Jette


Milzriss & Darmverschluss

Jettes Unfall ist noch frisch, gerade einmal eineinhalb Jahre her. Man merkt ihr an, dass die Verarbeitung noch lange nicht abgeschlossen ist und auch die Auseinandersetzung mit ihren Narben vielleicht erst viel später kommen wird. Doch für Jette ist dieses Projekt Teil der Verarbeitung und ein mutiger Schritt, sich mit dem Erlebten auseinanderzusetzen.

Der Unfall passierte im November 2022. Jette arbeitete damals als Bereiterin für Jungpferde. „Ich war dabei einen Junghengst in eine Halle zu führen, der sich auf dem Weg dorthin vor etwas erschrocken hat. Als er sich drehte, trat er mit dem Hinterbein aus und traf mich direkt in meinem Bauch.“ Sie erinnert sich daran, wie ihr erst einmal die Luft wegblieb und dann der Kreislauf verrückt spielte. Ihre Kollegen halfen ihr auf einen Stuhl und riefen einen Krankenwagen. Die Sanitäter machten noch vor Ort einen Ultraschall, um innere Blutungen auszuschließen, konnten jedoch nichts feststellen und machten ihr Mut, dass es sich vermutlich nur um ein paar geprellte Rippen handeln würde.
Im Krankenhaus veränderte sich dann jedoch die Stimmung. „In diesem Moment habe ich auch nicht gemerkt, ob ich Schmerzen verspürte oder nicht, doch nach einem erneuten Ultraschall im Krankenhaus wurde es hektisch um mich herum.“

 

Ein CT brachte Aufschluss über Jettes Gesundheitszustand: Die Milz blutete, sie war gerissen und Jette wurde in einer Not-OP die Milz entnommen.
An die darauffolgenden Tage auf der Intensivstation kann Jette sich kaum erinnern. Sie war benommen durch die vielen Schmerzmittel und froh, als ihr Zustand sich stabilisierte und sie nach Hause entlassen wurde. Ihr Fokus lag darauf, wieder fit zu werden und möglichst keine körperlichen Einschränkungen zu behalten. Die Wunde und Narbe an ihrem Bauch spielte zuerst keine Rolle.

 

Nach etwa zwei Tagen zu Hause verschlechterte sich ihr Allgemeinzustand jedoch abrupt. „Ich hatte plötzliche starke Bauchschmerzen und musste mich übergeben.“ Sie fuhr zu ihrem Hausarzt, der sie sofort per Krankenwagen ins Krankenhaus einliefern ließ. Dort war sie zunächst mit der Ratlosigkeit der Ärzte und Ärztinnen konfrontiert. Keiner konnte die Symptome richtig deuten. Jette hatte große Angst und begriff nicht, was genau passierte. Sie hatte unfassbare Schmerzen, weinte und schrie und kämpfte gleichzeitig darum, ernst genommen zu werden.

„Ich war so froh, als sie sagten, dass sie nochmal operieren, um zu sehen, wo die Schmerzen herkommen. Ich hatte panische Angst vor dem Eingriff, konnte die Schmerzen aber nicht mehr aushalten.“

Bei der zweiten OP stellte sich heraus, dass Jette nicht, wie von dem medizinischen Personal vermutet, bei der Beschreibung ihrer Schmerzen übertrieb. Bei dem Tritt des Pferdes wurde nur die Milz beschädigt, sondern auch ein Stück ihres Darms zerquetscht. Dadurch kam es zu einem akuten Darmverschluss, der Jette vermutlich das Leben gekostet hätte, wäre sie nicht umgehend operiert worden.
Der zweite Eingriff hinterließ bei Jette eine Erschöpfung, die sie bisher nicht kannte. Sie fühlte sich vor den Kopf gestoßen und konnte nur geduldig darauf warten, dass sich ihr Darm wieder in Bewegung setzte und zu arbeiten begann.
Als sie bei einem Verbandwechsel das erste Mal die zwei großen Narben sah, war Jette zwar geschockt, war jedoch weiterhin hauptsächlich darauf fokussiert, innerlich zu Heilen nachhause zu kommen. Sie wusste, dass es nötig war, wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu fassen und nach vorne zu blicken. Das war nicht immer leicht.
„Nachdem ganzen, was jetzt aber los war, hatte ich keinerlei Vertrauen mehr in meinem Körper. Immer wenn ich etwas aß und Bauchschmerzen bekam, brach eine Panik in mir aus, weil ich dachte, es funktioniert immer noch nicht und die Schmerzen fangen wieder an. Es hat ganz lange gedauert, bis ich die Angst ablegen und meinem Körper wieder vertrauen konnte.“

 

Die Narben machten Jette zunächst keine großen Sorgen. Doch je gesunder sie sich wieder fühlte, je stärker ihr Körper wurde, desto mehr rückten die optischen Veränderungen, die beide OPs mit sich gebracht hatten, in den Vordergrund. „Ich mochte das nicht gerne angucken und fand meinen Bauch ziemlich gruselig, wie er aussah.“ Nachdem die Fäden und Klammern entfernt wurden, nahm zwar das gruselige Gefühl ab, gerne ansehen oder sich mit ihrem Körper auseinandersetzen, mochte Jette jedoch zunächst nicht.

 

Zum Zeitpunkt des Interviews ist Jette immer noch auf dem Weg der Genesung. Sie fühlt sich noch lange nicht so fit, wie sie vor dem Unfall war. Manchmal ist sie verzweifelt oder genervt, würde gerne mehr können, als bislang möglich ist. Doch sie ist auch optimistisch, dass die schlechten Phasen weniger werden. Die Phasen, in denen sie ihre Narben betrachtet und mit ihnen nur verbindet, wie sehr sie und die ihr nahestehenden Personen gelitten haben. Sie möchte irgendwann einmal auf die Narben schauen und sie als Symbol der Stärke betrachten. Als Zeichen dafür, was sie mit ihren 25 Jahren bereits geschafft und überstanden hat.

"Immer wenn ich etwas aß und Bauchschmerzen bekam, brach eine Panik in mir aus weil ich dachte es funktioniert immer noch nicht und die schmerzen fangen wieder an. Es hat ganz lange gedauert bis ich die Angst ablegen und meinem Körper wieder vertrauen konnte.“




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